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HENNING MANKELL
 
Wie es ist, ein Illegaler zu sein
 

Mit seinen sozialkritischen Kriminalromanen schaffte es Henning Mankell zum meistgelesensten Autor Deutschlands. Doch der engagierte Schwede kann auch anders! Mit seinem neuen Roman "Tea-Bag" legt er einen bitter-satirisches Sozial-Drama vor, in dem sich Mankell zeigt, wie nie zuvor. Und dieses Bild ist durchaus sehr gut!

In dem Buch schlägt Henning Mankell eine Brücke zwischen der Kritik an westlichen Gesellschaften, wie sie in seinen Wallander-Krimis begegnet, und der über den kulturellen Tellerrand hinausblickenden Aufklärung seiner Afrika-Romane. Mankells wichtigste erzählerische Mittel sind dabei in bislang kaum bei ihm gekanntem Maß Witz und Selbstironie. Dennoch ist der neue Roman des Schweden auch durchtränkt von der traurigen Klage über die Kälte einer zerbröckelnden Gesellschaft.

Das Buch

Als Verfasser von Lyrikbänden hat es Jesper Humlin zu einigem literarischen Ruhm gebracht. Dennoch droht die ultimative Sinnkrise. Dauerfreundin Andrea, ein Derwisch mit Haaren auf den Zähnen, plant die Veröffentlichung ihrer Memoiren, wenn Jesper ihr nicht endlich ein Kind mache. Die Aktien dümpeln im Keller und der Verleger fordert statt Lyrik einen wesentlich verkaufsträchtigeren Krimi. Es ist zum Verzweifeln. Halb Schweden scheint im Krimi-Fieberwahn, Jespers schärfster Konkurrent hat bereits das Genre gewechselt, selbst Mutter Humlin, fast neunzig, sinnt über Mord und Totschlag. Jespers Vernichtung scheint besiegelt. Nun ist auch noch Tea-Bag in sein Leben geraten.

Kennen gelernt hatte er das schwarze Flüchtlingsmädchen und ihre Freundinnen auf einer Lyriklesung, die ihn in die Boxschule eines ehemaligen Freundes verschlagen hatte. Kurz entschlossen hatte der vierschrötige Pelle ein Fest zu Ehren des Promidichters organisiert, zu dem seine Boxschüler plus Anhang, Einwanderer sämtlicher Nationen, geladen waren. Nicht nur, dass der Ehrengast das anschließende Fest als schwer komatöse Alkoholleiche beendete -- er hatte auch das unter Boxern nicht leichtfertig zu nehmende Versprechen abgegeben, Tea-Bag und ihre zwei Freundinnen zu Schriftstellerinnen auszubilden.

So lässt sich Kommissar Wallanders Rückzug verschmerzen. Der abwechselnd in Mosambik und Schweden beheimatete Mankell verdichtet hier, was als Subtext stets auch seine Krimiproduktion durchzog: das Schicksal illegaler Einwanderer in Schweden. Wer nun aber annimmt, ein dröges Sozialdrama in Händen zu halten -- weit gefehlt. Triefend vor (Selbst)Ironie, mit bitter-satirischen Schüssen auf den Literaturbetrieb, dabei die eigene Wallander-Karriere gehörig rückbespiegelnd, zeigt sich Mankell witzig (und wichtig!) wie nie.

Unversehens wird der snobistische Dichterling, bislang an wenig mehr als seinem Wohlstand und einer gleichmäßigen Sonnenbräune interessiert, hineinkatapultiert in eine Welt der Entrechteten und Entwurzelten. Tea-Bags (den Namen hatte sie im Flüchtlingslager nach einem Blick auf die Teetasse eines Beamten kurzerhand erfunden) wie auch Leylas und Tanjas magische Schilderungen ihres Flucht- und Leidenswegs entziehen Jesper schlagartig den Boden seiner Wertevorstellungen. Langsam erkennt er seine wahre Bestimmung: Er würde das Leben der drei erzählen, sie unvergesslich machen. Es wurde ein wunderbares Buch daraus, das seine früheren Gedichte garantiert schnell vergessen macht.


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