LEXIKON
Wollen Sie mehr wissen über Schweden – auch abseits vom Tourismus? Im Lexikon gibt es dazu weitreichende Information. Wie ist die Thronfolge der schwedischen Monarchie geregelt und warum feiert man das Midsommar-Fest? Wie bereitet man einen echten schwedischen Glögg zu und wie fragt man auf Schwedisch nach dem Weg?
KUNSTHANDWERK UND INDUSTRIEDESIGN
Ur-Saab (Modell 920001) aus dem Jahr 1947 Mit freundlicher Genehmigung von Saab Opel Sverige AB
Einleitung
Starke künstlerische Strömungen und ein erwachendes, allgemeines nationales Kulturbewusstsein gegen Ende des 19. Jahrhunderts, um die Jahrhundertwende und Anfang des 20. Jahrhunderts schufen die Grundlage für das heutige schwedische Design.
Auf der Suche nach seiner Geschichte trifft man auf zwei legendäre Jahreszahlen: 1930 und 1955; 1930 ist das Jahr der großen Stockholmer Ausstellung, in dem der Funktionalismus zum Durchbruch kam. 1955 fand die große Hausratausstellung, H 55, in Helsingborg statt, auf der vieles vorgestellt wurde, das die Vorstellung der Umwelt von schwedischem Design und Kunsthandwerk prägt. Noch heute ist die H 55 eine Inspirationsquelle für viele junge Designer.
Einige historische Fakten
Bereits 1846 segelte die Fregatte des Werkbundes »Eugénie« über die Weltmeere, beladen mit schwedischen Waren (42 Kisten schwedisches Kunsthandwerk), die in der ganzen Welt verkauft werden sollten. Man hoffte stark auf neue Märkte für die schwedische Industrie. Das Projekt erwies sich jedoch als zu optimistisch und schlug fehl. Glücklicherweise folgten auf dieses Ereignis große Erfolge auf den Weltausstellungen Ende des 19. Jahrhunderts, u.a. 1873 in Wien, wo schwedische Textilien gut ankamen.
Auf der Weltausstellung in Stockholm 1897 präsentierte das schwedische Kunsthandwerk sein Bestes. Dort wurde Porzellan von Gustavsberg und Rörstrand vorgestellt, das Designer wie Gunnar Wennerberg und Alf Wallander entworfen hatten.
Der Künstler Carl Larsson, inspiriert von der englischen Art- and Crafts-Bewegung, zeigte hier zum ersten Mal seine Aquarelle der Interieurs seines Heims in Sundborn, für das seine Frau Karin Larsson viele Möbel und Textilien gestaltet hatte. Diese einfachen, persönlichen Interieurs mit bäuerlichen Möbeln und hellen Farben fanden internationale Beachtung und gelten noch heute als typisch schwedisch. Inspiriert von der Gemütlichkeit der Einrichtung schrieb die Autorin und Ästhetin Ellen Key 1897 den Aufsatz »Schönheit im Heim«, der große Bedeutung erlangte. Sie formulierte ihr soziales Engagement und forderte »Schönheit für alle« in dem gleichnamigen Aufsatz von 1899. 1919 veröffentlichte Gregor Paulsson, eine weitere führende Persönlichkeit der frühen schwedischen Designgeschichte, seine Ideen in dem Buch »Schönere Alltagsgegenstände«. Der Geist Gregor Paulssons und Ellen Keys prägt noch immer das schwedische Design: Formgestaltung ist eine Angelegenheit für alle Menschen, nicht nur für diejenigen, die sich etwas leisten können.
Die schwedische Kunstindustrie der zwanziger Jahre erhielt im Ausland die Bezeichnung »Swedish Grace«: elegante, formschöne Unikate, keine Massenprodukte. Im Jahr 1922 schenkte die Stadt Stockholm der Stadt Paris den sog. Parispokal, das größte gravierte Stück aus der Produktion der Glashütte Orrefors, komponiert vom Glaskünstler Simon Gate. Dieser schuf gemeinsam mit dem Glaskünstler Edward Hald eine moderne schwedische Glaskunst, welche die Glashütte Orrefors international bekannt machte. Auf der Pariser Ausstellung von 1925 fanden schwedische Glasobjekte sehr viel Beachtung.
Noch weit bis ins 20. Jahrhundert erfolgte praktisch die gesamte Herstellung schwedischer Alltagsgegenstände in handwerklicher Arbeitsweise. Industrialisierung, Standardisierung, Massenproduktion und Aufteilung in Handarbeit/Maschinenproduktion, die in den dreißiger Jahren stärker in Gang kam, ging in den vierziger Jahren weiter (Schweden war nicht am Zweiten Weltkrieg beteiligt), wenn auch langsamer, um dann in den Hochkonjunkturen der fünfziger und sechziger Jahre ordentlich in Schwung zu kommen.
In den letzten Jahrzehnten hat das Interesse für Industriedesign und professionelles Kunsthandwerk allgemein und auch in der Wirtschaft zugenommen. Die Privatwirtschaft zieht heute viel öfter Designer heran als noch vor zehn, fünfzehn Jahren. Auch Auftraggeber von Kunst im öffentlichen Raum suchen bei ihren Bemühungen, Technik, ein angenehmes Milieu und Schönheit zu vereinbaren, die Unterstützung professioneller Gestalter oder Kunsthandwerker.
Schwedisches Design ist erstklassig
Schwedisches Design ist erstklassig und kann sich im internationalen Wettbewerb gut behaupten. Trotzdem ist die Anzahl der schwedischen Hersteller von Alltagsgegenständen während einiger Jahre auf ein, wie viele meinen, beunruhigend niedriges Niveau gesunken. Porzellan, Glas für den alltäglichen Gebrauch, Besteck, Heimtextilien werden kaum noch im Land hergestellt. Die Entwicklung in Schweden verlief genau wie in vielen anderen westlichen Ländern: die Produktion wird häufig aus wirtschaftlichen Gründen ins Ausland, vor allem nach Asien, verlegt.
Paradoxerweise ist die Zahl fähiger Gestalter, Industriedesigner und Kunsthandwerker, gestiegen. Die jungen Designer, die u.a. auf der Hochschule für Kunstgewerbe und Formgebung (Konstfack) in Stockholm und der Hochschule für Design und Kunsthandwerk (Högskolan för Design och Konsthantverk, HDK) in Göteborg ausgebildet werden, haben eine realistische Vorstellung von der Wirklichkeit, der Zukunft und den eigenen Möglichkeiten. Die dortige Ausbildung und auch die der jüngeren Hochschule für Design in Umeå in Nordschweden sowie die des Fachbereichs Architektur der Technischen Hochschule Lund in Südschweden haben ein im internationalen Vergleich hohes Niveau.
Die Funktion als Richtschnur
Was ist in puncto Design eigentlich schwedisch? »Nordic Light« vielleicht, übertragen auf den Alltagsgegenstand. Unter anderem klare Formen, helle Farben, Anpassung an die Funktion, Möbel aus Holz, Textilien mit Karos und Streifenmustern.
Die Stockholmer Ausstellung im Sommer 1930 wurde, wie oben bereits erwähnt, ein Wendepunkt der schwedischen Formgeschichte. Sie symbolisierte den Bruch zwischen Alt und Neu – jedoch eher in der Theorie als in der Praxis. Am radikalsten war die Architektur und Innenausstattungen mit großen Fenstern, klarem Äußeren, offenen Grundrissen und schlichtem Dekor. Architekten wie Uno Åhrén, Sigurd Lewerentz, Gunnar Asplund und Sven Markelius hatten auf der Ausstellung freie Hand, etwas völlig Neues zu schaffen. Bruno Mathsson, später einer der international bedeutendsten schwedischen Möbeldesigner, wurde wie andere von der Stockholmer Ausstellung 1930 entscheidend beeinflusst. Die Ausstellungsstücke inspirierten und bestärkten ihn, seine Stuhlexperimente mit u.a. biegbarem Holz, Peddigrohr und Stahlrohr fortzuführen. Noch kurz vor seinem Tod 1988 – fast sechzig Jahre nach seinem Debüt – war er ein wahrer »Funktionalist«.
Zu den Designernamen dieser Zeit gehörten auch Carl Malmsten, der während seines ganzen Lebens für ein handwerklich geprägtes und funktionales Möbeldesign kämpfte, und Josef Frank, der mit seinen klassischen Möbeln, Lampen, Gläsern und bedruckten Stoffen, die von William Morris' Cretonne-Mustern inspiriert waren, die schwedische Einrichtungskunst beeinflusst hat.
Demokratische Designtradition
Der Stockholmer Ausstellung lag eine politische Botschaft zugrunde: der heftige Wunsch, für eine neue Welt zu schaffen – für das Kollektiv und die Arbeiterklasse.
Die ästhetische Inspiration kam vor allem aus Deutschland, die Initiatoren waren vom Deutschen Werkbund und der Bauhaus-Bewegung beeinflusst, wie auch von den Vorstellungen über »Künstler in die Industrie« für »schönere alltägliche Dinge«, die dort früh formuliert worden waren.
Viele der für die Ausstellung entworfenen Gegenstände wiesen in die Zukunft. Es waren dort von Witwen Nilsson gestaltetes Silber, Möbel von Gunnar Asplund und Uno Åhrén, von Ingegerd Torhamn entworfene Teppiche (die direkt die moderne Kunst widerspiegelten), in Hütten geschliffenes Kristall von Simon Gate, serienmäßige Glasgegenstände, rostfreie Schüsseln und das praktische Service »Praktika« des Keramikers Wilhelm Kåge zu sehen. Viele der später verbesserten, innovativen Möbel und Einrichtungsobjekte wurden auf der Ausstellung erstmals vorgestellt. Die pädagogische Intention war groß.
Industrie und Designer
Das Design der vierziger Jahre befasste sich ausgiebig mit der Wohnung. Im Schatten des Krieges versuchte man, Industrie und Konsumenten dahin zu bringen »ihre Gewohnheiten zu verbessern«. Der Hausrat wurde natürlich aus praktischen wirtschaftlichen Gründen modernisiert. Die Frauen wurden im Erwerbsleben gebraucht, somit musste u.a. die Haushaltsarbeit vereinfacht werden.
Die Textildesignerin Astrid Sampe wurde in den fünfziger Jahren gemeinsam mit Viola Gråsten zu führenden Erneuerinnen der schwedischen Heimtextilien. Viola Gråsten erneuerte die Knüpfkunst und ihre Decken gab es in vielen Wohnungen. Astrid Sampes Streifen und Farbzusammenstellungen fanden großen Anklang.
Mehrere ihrer Muster sind wieder in die Produktion aufgenommen worden, manche werden seit den fünfziger Jahren hergestellt. Die Schwestern Lisbet und Gocken Jobs aus der Provinz Dalarna zeichneten und malten Blumen- und Naturmuster für moderne Druckverfahren, die auch immer noch produziert werden. Das ist ein Beispiel dafür, wie Handwerk und Industrie eine »glückliche« Verbindung eingehen können.
Der Beruf »Industriedesigner« verbreitete sich nach dem Zweiten Weltkrieg immer mehr. Die schwedische Autoindustrie wurde jetzt ernsthaft aufgebaut. Der erste Saab – der »Ur-Saab« – mit aerodynamischer Form, entworfen von Sixten Sason in Zusammenarbeit mit Flugtechnikern, ging 1952 in die Produktion.
Die Industrieproduktion erforderte die enge Zusammenarbeit von Technikern und Designern. Das Zuhause sollte elektrifiziert und modernisiert und die technischen Errungenschaften der Zeit genutzt werden. Unternehmen wie Electrolux, Asea, Husqvarna, Ericsson usw. brachten neue Gegenstände und moderne Modelle älterer Geräte auf den Markt. Viele hatten amerikanische Vorbilder. Die »Stromlinienform« war tonangebend.
Der optimistische Blick in die Zukunft prägte auch die H55 in Helsingborg. Dort stellten sich die vielen großen Designer des Landes vor. Neue Namen tauchten auf, viele davon sind immer noch aktuell: Sigurd Persson entwarf Schmuck, Küchenutensilien, Glasgegenstände usw. Stig Lindberg prägte viele Jahre lang die Produktion der Porzellanfabrik Gustavsberg. Ingeborg Lundin gestaltete luftige, grazile Glasobjekte für Orrefors. Sven Palmqvists »Fuga«-Schalen waren eine technische Innovation. Folke Arströms Besteck wird noch heute von vielen bewundert. Nils Strinning entwarf das berühmte String-Regal, ein »Muss« in jedem Zuhause der fünfziger Jahre, aus nylonüberzogenem Stahldraht und Regalböden am besten aus Teak. Signe Persson-Melins Keramik-Gewürzdosen sind typisch für die schwedischen fünfziger Jahre.
Ergonomie und Design für Behinderte
Der optimistische Trend wendete sich in den sechziger und siebziger Jahren auch im Designbereich. Die Erkenntnis, dass die Ressourcen der Erde begrenzt sind, andere politische Stimmungen usw. änderten die Situation der Industriedesigner und der freien Kunsthandwerker. Eine vom ethischen Standpunkt richtige Produktion wurde gefordert: man sollte sich nicht nur mit dem Äußeren oder »Styling« beschäftigen.
Statt dessen traten die sozialen Ambitionen in den Vordergrund: Design für Behinderte, Kindersicherheit. Ergonomische Studien dienten den innerbetrieblichen Designabteilungen von z.B. Volvo, Saab, Electrolux seit langem als Richtschnur. In den sechziger Jahren wurde die Grundlage für Schwedens Ansehen in bezug auf Produkte für Behinderte geschaffen. Im Jahr 1969 wurde z.B. das Designerkollektiv Ergonomi Design Gruppen gegründet, das im Lauf der Jahre viele Preise für sein Design erhielt. Es gibt kaum etwas, was die Gruppe noch nicht entworfen hat, von Greifzangen, Plastiktellern und Besteck für Funktionsbehinderte bis zu Tragbahren für Krankenwagen.
Industriedesign – freies Kunsthandwerk
Die neuen Materialien und Herstellungsverfahren der fünfziger Jahre trugen zu einer immer offenkundigeren Teilung des Berufsstandes in Industriedesigner und freie Kunsthandwerker bei. Jedoch erst in den sechziger Jahren wich das Kunsthandwerk von früheren Traditionen ab. Jetzt durfte nach eigenen Vorstellungen gewebt, Glas in der eigenen Hütte geblasen und bewährte Techniken aufgegeben werden.
Experimentierfreude war Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre im Schwange wie niemals zuvor, was sowohl negative als auch positive Konsequenzen hatte. Einerseits beflügelte die neue Freiheit die vielen fähigen Keramiker, Textil- und Glaskünstler, andererseits brachte der Zeitgeist aber auch mangelnden Respekt vor fortgeschrittenen Techniken mit sich, und alte bewährte Tradition lief Gefahr, in Vergessenheit zu geraten. Die Alltagsdinge hatten Ende der sechziger Jahre praktisch und rationell zu sein, ohne Dekor und »unnötige« äußerliche Pracht.
Was ist uns aus dieser Zeit noch im Gedächtnis? Eine Unmenge fröhlicher Einfälle und lebensbejahender Designerstücke. Nicht zuletzt der Einfluss der Oper und Pop Art auf Muster von Sven Fristedt, bäuerliche Gebrauchsgegenstände von Boda Nova, häufig entworfen von Signe Persson-Melin, die noch heute tätig ist. Die auf grobe Baumwolle gedruckten Farbexplosionen des Textilkollektivs 10-Gruppen haben die Frische der sechziger und siebziger Jahre. Zeittypisch sind Bertil Valliens wuchtige Glasobjekte für Åfors und Kosta Boda. Möbel wurden von IKEA und dem Verband der schwedischen Konsumgenossenschaften (Kooperativa Förbundet, KF), auf einfache und leichte Weise aus Spanplatten hergestellt. Das Designerpaar Lindau & Lindekrantz und Innovators Huldt & Dranger entwarfen tolle moderne Stahlrohrstühle und -tische. Viele erinnern sich an die Lancierung der Flora-Margarine, deren bis heute fast unveränderte Verpackung von Carl-Arne Breger gestaltet wurde.
Facettenreiche Gegenwart
In den letzten 15 bis 20 Jahren haben eine Reihe schwedischer Produzenten ihre Tätigkeit eingestellt. Viele der verbleibenden haben ihre Produktion aus Kostengründen ins Ausland verlegt. Trotzdem gibt es jetzt ein breiteres Interesse für die Gegenstandskultur. Qualitätsfragen und Umweltaspekte werden wie nie zuvor in Diskussionen über Alltags- und Konsumwaren einbezogen. Man ist sich des Wertes professioneller Designer stärker bewusst.
Mit der facettenreichen Gegenwart im Hinterkopf knüpfen wir mit einer kurzen Übersicht über das augenblickliche Geschehen in Schweden auf den Material- und Sachgebieten Glas, Keramik, Möbel/Einrichtung, Textilien, Metall, Graphik- und Industriedesign an die momentane Situation des schwedischen Designs an.
Glas
Schwedisches Glas ist immer noch vital und im Design führend in der Welt, obwohl der Orrefors-Konzern (einschließlich der meisten kleineren Hütten) im letzten Jahr wirtschaftliche Schwierigkeiten hatte. Künstlerische Glasobjekte und Trinkgläser werden nebeneinander entwickelt. Bertil Vallien und Ulrika Hydman-Vallien sind international sehr erfolgreich. Mehrere junge Designer wurden eingestellt, u.a. Lena Bergström und Per B Sundberg. Beiden gelang es, die Glaskunst zu erneuern, nicht zuletzt durch eine respektlosere Einstellung zum Material. Organische Formen und unregelmäßige Oberflächen sorgen für aufregende Ergebnisse.
Einige kleinere Hütten haben erfolgreich überlebt. Pukeberg ist frisch am Werk, und Skruf stellt u.a. von Ingegerd Råman entworfene Glasgegenstände für den schwedischen Reichstag her. Sie arbeitet mit praktischen, einfachen und schlichten Formen.
Das Reichstagsservice erhielt übrigens 1995 den Design-Preis von Svensk Form. Außerhalb der Hütten finden wir eine Menge unabhängiger Glasdesigner mit eigenen Öfen. Gunilla Kihlgren gestaltet auf eher überladene, unkonventionelle Art, Anders Wingård ist auf einfache Weise verspielt und Ulla Forsell hat einen burlesken, üppigen Stil.
Keramik
Die schwedische keramische Industrie läuft seit mehreren Jahren auf Sparflamme.
Das traditionsreiche Rörstrand, das u.a. Pia Törnell an sich gebunden hat, ist jetzt in finnischem Besitz. Gustavsberg stellt kein Serviceporzellan mehr her. Bleibt noch Höganäs, das vor allem Schalen, Teekannen, Becher und Platten aus Steingut produziert.
Die freie Keramik ist voller Lebenskraft. Ingegerd Råman, die nicht nur Glasgegenstände entwirft, sondern auch Gebrauchskeramikerin ist, kombiniert Poesie mit dem äußerst Funktionellen. Sie hat eine eigene Werkstatt und ist »die hervorragende Handwerkerin«. Gertrud Båges Keramik ist auch ein Beispiel für eine gelungene Verbindung von Form und Funktion. Ihre Platten sind schön und großzügig, sowohl was die Größe als auch was die Gestaltung betrifft. Die drei Keramiker Mari Pårup, Rigmor Roxner und Elisabet Svensson, die 1997 eine gemeinsame Ausstellung veranstalteten, bewegen sich außerhalb des Bereichs der reinen Gebrauchsgüter. Handwerk wird Kunst, der Ton verwandelt sich in Kunst im öffentlichen Raum, z.B. in U-Bahnstationen und Krankenhäusern.
Ein großer Teil der schwedischen Glas- und Keramikelite kann über Blås & Knåda (Blasen und Kneten) erreicht werden, ein Kollektiv, das aus etwa fünfzig Künstlern/Handwerkern aus dem ganzen Land besteht, deren Produkte in eigenen Ausstellungsräumen in der Stockholmer Innenstadt verkauft werden.
Möbel und Einrichtung
Das Design im Bereich Möbel/Einrichtung ist augenblicklich sehr lebenskräftig.
Nicht die etablierte Industrie treibt die Entwicklung voran, sondern die Reihe der engagierten Kleinhersteller. Allerdings gibt es eine wettbewerbsfähige Produktion von Möbeln für öffentliche Räume und Unternehmen bei Lammhults, Gärsnäs, Källemo, Nola usw. und IKEA. Viele fähige Designer arbeiten für die großen Unternehmen: Gunilla Allard, Love Arbén, Thomas Sandell, Mats Theselius, Camilla Wessman usw. Alle folgen der anspruchsvollen, rationalen schwedischen Formtradition.
In der Gruppierung »Swecode« sprudelten die Möbelideen in den letzten Jahren. Swecode besteht aus einigen kleineren und jüngeren Herstellern und Designern. Sie wollen das »Schwedische« nutzen und noch attraktiver und auch außerhalb Schwedens verkäuflicher machen. Zu ihren Entwürfen gehören Sofas, Regale und Tische, aber auch Zubehör: Knäufe, Garderobenhaken, Teppiche etc. Die Formen sind immer schlicht, praktische Lösungen im wahren funktionalistischen Geist. Erle, Kiefer und Birke sind gebräuchliche Holzarten. Hell und leicht soll es sein, in klarem, einfachem Design.
Bei »Swecode« gibt es neben den etablierteren auch jüngere Designer: Olof Kolte, Björn Dahström, Helene Tidemann, Thomas Sandell, Jonas Lindwall u.a.
Textilien
Die schwedische Textilindustrie kämpft mit Schwierigkeiten. Hoffentlich können sich Unternehmen wie Strömma, Almedals, Borås Wäfveri und Kinnasand in den nächsten Jahren gestärkt auf dem Markt behaupten. Das Textilunternehmen Ljungbergs stellt Qualitätsstoffe her, hat aber keinen eigenen Designerstab. Astrid Sampes Fünfziger-Jahre-Muster können sich noch heute sehen lassen. Lena Bergström, die sich mit Glas und Textilien befasst, hat dort elegante, anspruchsvolle Einrichtungstextilienherstellen lassen. Die oben erwähnte 10-Gruppen besteht noch immerund gehört im Bereich Textilien mit regelmäßig wiederkehrenden Kollektionen zu den Lichtblicken. Klässbol ist der wichtigste Hersteller von Leinen, das Spektrum umfasst sowohl traditionellen Damast als auch moderne Entwürfe.
Die freie schwedische Textilkunst hat starke Traditionen. Das Interesse für alte Webtechniken ist in den letzten Jahren gestiegen. Materialexperimente locken viele, was 1997 vor allem auf einer interessanten Ausstellung in Göteborg deutlich wurde. Dort waren nicht nur Wolle, Leinen und Baumwolle vertreten, sondern auch Metall, Kunststoff, Papier etc.
Obwohl eine Existenz als Modedesigner in einem kleinen Land wie Schweden nicht einfach ist, entwerfen viele junge Designer eine eigene Modelinie. Jedes Jahrverlassen etwa zehn junge Modedesigner Beckmans Schule für Design (Beckmans Designskola) mit einem Diplom. Mehreren davon ist es gelungen, selbständig an ausgefallenen Entwürfen arbeiten zu können. Wie beispielsweise Nygårds Anna Bengtsson.
Ihre Kleider haben einen unverkennbar folkloristischen Touch, sind aber trotzdem zeitgemäß. Pernilla Forsman hat ebenfalls versucht, eine eigene Linie zu kreieren. Einfache Materialien, Schlichtheit, Poesie scheint ihr Motto zu sein. Filippa K (Filippa Kihlborg und Karin Hellners) entwirft anspruchsvolle Kollektionen, die im Trend liegen. Anna Holtblad verfügt nach zehn Jahren Berufserfahrung über viel Routine. Sie hat sich in der schwedischen Damenmode eine eigene Nische geschaffen.
Metall
In Schweden gibt es viele fähige Silberschmiede, die heute nicht nur mit Silberarbeiten. Auch in der Metallkunst wird das Edle mit dem Unedlen vermischt. Eisen mit Weißgold, Gummi, Plastik, Silber, echte Diamanten mit künstlichen Steinen.
Zu den exzentrischsten Schmieden gehört Christer Jonsson, dessen Cocktailsticks mit Totenköpfen und ramponierten Dornenkronen ähnelnder Halsschmuck eine magische Ausstrahlung haben. Die geometrisch/organischen Formen von Maria Elmqvist, die Prägnanz Glenn Rolls oder die strenge Raffinesse Karin Johanssons entsprechen eher dem üblichen schwedischen Stil. Für alle drei sind Klarheit und Einfachheit wesentlich. Glenn Roll, Bengt Liljebladh und Mats Eskils haben die Staatsbestecke für Kronprinzessin Victoria und ihre Geschwister entworfen.
Auch im Bereich Korpussilber gibt es begabte Designer. Von Sigurd Perssons und Birger Haglunds imponierenden Platten, Kannen, Schalen (Jahrzehnt für Jahrzehntgleich aktuell) bis zu Bo Kleverts aufregenden Kombinationen aus Stein und Silber in Gefäßen und Dosen sowie Sebastian Schildts massiven, gehämmerten Schalen.
Aufregende schwedische Silberobjekte sind u.a. bei Nutida Svenskt Silver (Modernes Schwedisches Silber) und Metall um zu sehen, zwei Vereinigungen von Metallkünstlern. Beide verfügen über Räumlichkeiten in Stockholm, in denen regelmäßig Ausstellungen veranstaltet werden.
Graphikdesign
Aufgrund schneller Impulse über die Grenzen ist das Graphikdesign heute internationalgleichförmiger. Besonderheiten des schwedischen Graphikdesigns kann man nur mit Begriffen wie z.B. Klarheit, schlichte Bildsprache und, in gewissem Ausmaß, pädagogischer Eifer beschreiben. Karl-Erik Forsberg war lange einer der führenden Graphiker Schwedens. Er entwarf Briefmarken, Exlibris und Logotypes sowie u.a. das Monogramm der Königlichen Familie. Er ist auch Schöpfer der international bekannten Schriftart Berling. Lars Hall gehört mit seiner anspruchsvollen Schlichtheit zu den Klassikern. H C Ericsson, Professor für Graphikdesign an der Hochschule für Design und Kunsthandwerk, HDK, in Göteborg, ist spielerischer. Im Lauf der Jahre hat er viele junge Gestalterinspiriert. Er überschreitet gerne die Grenze zwischen Kunst und Graphikdesign.
Noch mehr Schwedisches? Das wäre dann Absolut Vodka, Schwedens Exportschlager der achtziger und neunziger Jahre. Die Flasche erhielt bereits 1980 ihre berühmte graphische Form und ihr Gesamtimage von den drei Werbefachleuten Lars Börje Carlsson, Gunnar Broman und Hans Brindfors. Die Milchtüten von Arla sind ein weiteres Beispiel für schwedische Graphik, das auf fast jedem schwedischen Frühstückstisch zu betrachten ist. Schlichtes Dekor und einfache Pädagogik. Designer sind Tom Hedqvist und Björn Kusoffsky.
Industriedesign
»Große« Anstrengungen für Design werden seit den sechziger Jahren von den innerbetrieblichen Designabteilungen der Exportindustrie z.B. Volvo, Saab, Electroluxunternommen. Volumenprodukte wie Autos und Haushaltsgegenstände haben die Entwicklung der Form beeinflusst. In den Designabteilungen sind Autos und Haushaltsgegenständeentworfen worden, deren Form auf skandinavische Traditionen – Schlichtheit und Funktionalismus – zurückgeht, jedoch von immer stärkerer Internationalisierung geprägt ist. »Inhouse Design« besteht aus den versteckten Promis der Zunft. Jan Wilsgaard (Volvo), Hugo Lindström (Electrolux) und Björn Envall (Saab) beispielsweise, die die Designabteilungen einst aufbauten, haben in ihrem jeweiligen Bereich großen Einfluss ausgeübt.
Heute sind Gruppierungen von Industriedesignern wie z.B. Ergonomi Design Gruppen wesentlich üblicher. Die Designer sind selbständig, stärker und weniger abhängig von Autoritäten, folglich auch ihrer eigenen Bedeutung wesentlich bewusster geworden. Die Entwicklung ist natürlich großenteils ein Ergebnis des Strukturwandelsund der wirtschaftlichen Voraussetzungen. Wenige Unternehmen können es sich leisten, Designer anzustellen. Es hat sich jedoch gezeigt, dass dies mehr Vor- als Nachteile hat. Heute ist ein selbständiger Designer sichtbarer und hat mehr zusagen.
Zu den Designberaterfirmen, in denen die Designer entweder als Kollektiv auftreten oder sich individuell profilieren, gehören No Picnic, Monitor, Nya Perspektiv, Industriell Design und Propeller. Sie entwerfen medizinische Instrumente, Hilfsmittel für Behinderte, ergonomische Werkzeuge, Ausrüstung für besseren Arbeitsschutz (Schutzausrüstung) usw., aber auch Konsumgüter wie Telefone, Personensuchanlagen, Malerpinsel, Schraubenzieher, Staubsauger, Hörgeräte etc.
Funktionalität ist ein gemeinsames Charakteristikum des guten schwedischen Designs; die Form ist das Ergebnis ergonomischer Beurteilungen und gleichzeitig anästhetische Kriterien gekoppelt. Heute scheinen sich alle einig zu sein, dass Schönheit auch eine Funktion ist.
IKEA und Nobel
Anlässlich des 90. Jahrestages des Nobelpreises im Jahr 1992 bemühte sich die Nobelstiftung um die einmalige Gestaltung eines Nobel-Service. Dem gingen unzählige Diskussionen über Qualität und Geschmack voran. Das Ergebnis war eine Verbindung von Alt und Neu, das im gleichen Jahr, 1992, mit dem Design-Preis Utmärkt Svensk Form ausgezeichnet wurde. Die verantwortlichen Designer waren Karin Björquist (Porzellan), Gunnar Cyrén (Besteck und Glas), Ingrid Dessau (Textilien).
Was die Exklusivität betrifft, dürfte IKEA der Gegensatz des Nobel-Service sein.
Trotzdem ist IKEA in der Welt das bekannteste Designemblem Schwedens – kein anderes Unternehmen hat Design auf so »schwedische« Weise verbreitet. IKEA gibt es gegenwärtig in 28 Ländern. Die Designentwicklung bei IKEA dreht sich jedoch vor allem um Konstruktion und Zerlegbarkeit, d.h. Forderungen vonseiten des Vertriebs. Präsentation und Äußeres sind wesentlich. Ein großer Teil des IKEA Sortiments folgt der hellen schwedischen demokratischen Designtradition. Das Nobel-Service und IKEA spiegeln symbolisch die Bandbreite des schwedischen Designs.