LEXIKON
Wollen Sie mehr wissen über Schweden – auch abseits vom Tourismus? Im Lexikon gibt es dazu weitreichende Information. Wie ist die Thronfolge der schwedischen Monarchie geregelt und warum feiert man das Midsommar-Fest? Wie bereitet man einen echten schwedischen Glögg zu und wie fragt man auf Schwedisch nach dem Weg?
Einleitung
Die schwedische Gesellschaft hat sich – historisch gesehen – in sehr kurzer Zeit von einem relativ homogenen Land in eine multiethnische und multikulturelle Gesellschaft verwandelt. Eine Entwicklung, die in vielerlei Hinsicht eine Bereicherung für Schweden dargestellt, aber auch Anlass zu Spannungen und Problemen gegeben hat. Darüber hinaus wurden bezüglich der Integrationsfragen auch viele neue Anforderungen an einzelne Bürger, Organisationen, Behörden, politische Parteien und verantwortliche Politiker auf allen Ebenen gestellt, einen neuen und wirkungsvolleren Ansatz zu wählen. Vor einigen Jahren befasste sich die schwedische Öffentlichkeit mit der Frage der Zugewanderten. Heute geht es nicht mehr nur um die Zuwanderung und die Zugewanderten, sondern vielmehr um die Integration und die »neuen Schweden«.
Schweden ist seit dem 12. Jahrhundert, als viele deutsche Kaufleute und Handwerker nach Schweden kamen, ein Einwanderungsland. Die deutsche Einwanderung bedeutete einen Aufschwung für Handel, Handwerk und Bildung und prägte Schweden in so hohem Maße, dass im Stockholm des 14. Jahrhunderts die deutsche Sprache beinahe zur offiziellen Sprache ausersehen wurde. Doch die jahrhundertelange, bis ins 19. Jahrhundert erfolgte Zuwanderung hatte die Bevölkerungsstruktur nicht entscheidend verändert. In der Volkszählung des Jahres 1910 hieß es, Schweden sei eines der Länder Europas »in denen die Zahl der Fremden am niedrigsten ist, was wohl mit der Entlegenheit Schwedens zu erklären ist«.
Die große Auswanderungswelle nach Amerika in der zweiten Hälfte des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, als etwa 1,2 Millionen Schweden emigrierten, sollte jedoch in Schweden für die Bevölkerungsentwicklung der nachfolgenden Jahrzehnte eine wichtige Rolle spielen. Aufgrund der Auswanderungswelle entstand in den meisten Wirtschaftszweigen ein großer Arbeitskräftemangel, was zu einer ersten Einwanderungswelle von Arbeitskräften führte. Damals war die Reise nach Schweden einfach, es gab keine Grenzkontrollen, wer wollte, konnte sich überall im Land niederlassen. Indessen wurden schon Anfang des 20. Jahrhunderts immer mehr Stimmen laut, die eine restriktivere Einwanderungspolitik forderten.
Geschichte der Einwanderung nach Schweden
Kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 erhielt Schweden sein erstes Ausländergesetz, das Einschränkungen des Aufenthaltsrechts von Ausländern zur Folge hatte. Doch im Gesetz stand auch, dass eine Person nicht ausgewiesen werden konnte, wenn besondere Umstände vorlagen »wie die weite Entfernung des Heimatlandes oder die Tatsache, dass er von dort ausgewiesen oder dort aller Wahrscheinlichkeit nach wegen eines politischen Verbrechens angeklagt oder verurteilt würde«. Damit wurde zum ersten Mal das Asylrecht in die schwedische Gesetzgebung aufgenommen.
Doch schon bald nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 in Deutschland sollte das Gesetz auf die Probe gestellt werden. Schweden führte eine äußerst restriktive Flüchtlingspolitik und nahm bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs 1939 nur etwa 5 000 Flüchtlinge aus Deutschland auf. Danach wurden Einwanderungspolitik und Kontrolle von Ausländern noch weiter verschärft. Angesichts des sich abzeichnenden schlimmen Kriegsverlaufs und einer immer höheren Zahl von Flüchtlingen wurde die schwedische Haltung jedoch aufgeweicht. Ab Ende 1942 durften alle Asylbewerber im neutralen Schweden bleiben.
In Schweden in der Nachkriegszeit herrschte ein nie dagewesener Arbeitskräftemangel. Mit dem »Import« ausländischer Arbeitnehmer in den 40er Jahren begann die moderne schwedische Einwanderungsgeschichte. In den 50er Jahren betrug die jährliche Zuwanderung durchschnittlich 10.000 Personen. Um 1955 arbeiteten etwa 116.000 Beschäftigte ausländischer Abstammung in Schweden. Sie entsprachen 3,7% der erwerbstätigen Bevölkerung. Die 60er Jahre waren das Jahrzehnt der großen Einwanderungswelle, mit einer jährlichen Zuwanderung von Arbeitskräften in Höhe von 30.000–60.000 Menschen. Darunter waren nur wenige Flüchtlinge.
Entwicklung der Zuwanderung
Die Mitte der 70er Jahre eingeleitete moderne schwedische Einwanderungspolitik gründete sich auf den Erfahrungen und Gedanken der in den 60er Jahren in Schweden erfolgten Einwanderungswelle. Die 1975 formulierte Einwanderungspolitik Schwedens läßt sich mit drei einwanderungspolitischen Zielen zusammenfassen: Gleichberechtigung; Wahlfreiheit; Mitwirkung. Gleichberechtigung bedeutet, den Zugewanderten gleiche Möglichkeiten, Rechte und Pflichten wie der einheimischen Bevölkerung einzuräumen. Wahlfreiheit bedeutet, Mitgliedern sprachlicher Minderheiten die Möglichkeiten zu geben, sich eine schwedische kulturelle Identität anzueignen, und dabei ihre ursprüngliche Identität zu behalten und weiterzuentwickeln. Mitwirkung bedeutet das Zusammenspiel von zugewanderten Gruppen und Einheimischen in gemeinsamen Fragen. Die Formulierung der Einwanderungspolitik erfolgte in einer Zeit der stabilen Volkswirtschaft, Vollbeschäftigung und mit Prognosen für ein fortgesetztes hohes Wirtschaftswachstum.
Doch mit dem immer größer werdenden Flüchtlingsstrom veränderte sich die schwedische Zuwanderung radikal. Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre stieg aufgrund der hohen Flüchtlingswelle die Zahl der Asylbewerber und betrug zwischen 10.000 und 30.000 jährlich. Iraner, Iraki, Chilenen, Argentinier, Peruaner, Kurden und Eritreer sind Beispiele für neue Flüchtlingsgruppen, die nach Schweden kamen. Die letzte große Flüchtlingswelle erfolgte 1992–94, als Schweden über 170.000 Flüchtlinge aufgenommen hatte, die vor allem von dem Krieg im ehemaligen Jugoslawien geflohen waren. Die Flüchtlinge kamen unvorbereitet in eine Gesellschaft, die sie nur mühsam in den Wohnungsmarkt, Arbeitsmarkt und ins Ausbildungssystem zu integrieren verstand. Viele Flüchtlinge landeten in den Vororten der Großstädte. Dort setzte gegen Ende der 80er Jahre auch die Segregation ein, die wir in der heutigen Gesellschaft erleben. Mitte der 90er Jahre waren fast 950.000 der 8,8 Millionen Einwohner Schwedens in einem anderen Land geboren.
Insgesamt belief sich die Zahl der Personen »ausländischer Abstammung« (entweder im Ausland geboren oder mit mindestens einem, im Ausland geborenen Elternteil) auf 1,6 Millionen Menschen, was fast einem Fünftel der Bevölkerung entspricht. In nur einem Jahrzehnt ist eine neue multikulturelle Gesellschaft herangewachsen. Eine Gesellschaft, die beständig sein wird.
Wachsende Probleme
In den 70er Jahren trugen die Zugewanderten mit etwa 6 Milliarden Kronen jährlich zum öffentlichen Sektor bei. Die Zugewanderten leisteten damals vor allem durch ihre Arbeit in der Industrie und in der Bauwirtschaft einen Beitrag zur Produktion des Landes. Heute ist das Bild umgekehrt. Die Nettoüberweisungen an Einwanderungsgruppen im Rahmen verschiedener Transferleistungen wie z.B. Sozialhilfe, Wohngeld und Arbeitslosengeld belaufen sich auf ca. 20 Milliarden Kronen jährlich. Die Erklärung ist einfach; unter den gegenwärtigen Zugewanderten ist die Arbeitslosigkeit hoch, viele sind vorzeitig in den Ruhestand gegangen, die Abhängigkeit von Sozialleistungen ist stark ausgeprägt.
Das Bild der Zuwanderung wurde von dieser Entwicklung beeinflusst. Gerät die Volkswirtschaft in Schwierigkeiten, steigen Arbeitslosigkeit und gleichzeitig auch die Aufnahme der Flüchtlinge an, dann entsteht rasch eine Stimmung der Unzufriedenheit mit dieser Situation. Anfang der 90er Jahre war eine Reaktion gegen die Einwanderungspolitik zu verspüren, doch auch gegen die schon im Land lebenden Zugewanderten. Schweden führte, wie auch viele andere Länder, eine Debatte über Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und die Ausmaße einer multikulturellen Gesellschaft.
Zu diesem Zeitpunkt ist eine neue Ausrichtung der Politik gefordert. Ende der 90er Jahre geht es nicht mehr um die Einwanderungspolitik, sondern vielmehr um die Integration. Fragen, die Ausbildung, Beschäftigung, Wohnen und Segregation betreffen, müssen nach Meinung von Regierung und Parlament in den Vordergrund gerückt werden.
Viele Kritiker der schwedischen Einwanderungspolitik sind der Meinung, dass Schweden ein System der Ausgrenzung geschaffen hat, da die Frage der Zugewanderten als separates Problem angesehen wird, und nicht in die Gesellschaftsfragen als solche integriert wurde. Von verschiedener Seite wurde behauptet, dass im Zuge der behördlichen Steuerung, Detailplanung und Institutionalisierung des Alltags der Zugewanderten die Zuwanderer passiv und zu einer »schwachen Gruppe« gemacht wurden, die immer stärker von Sozialhilfe und Arbeitslosengeld abhängig sind.
In vielen Kommunen können Schweden ausländischer Abstammung – manchmal über zehn Jahre in Schweden lebend – für Hilfestellung nach wie vor das »Einwanderungsbüro« aufsuchen. Dies ist, so die Kritiker, ein Beispiel für eine falschgelenkte Betreuung, mit angelernter Hilflosigkeit und sozialer Ausgrenzung als Folge.
Die Haltung gegenüber der Integrationsfrage hat sich in den letzten Jahren geändert. Heute vertreten die meisten die Ansicht, dass es um die Integration von Zugewanderten und Schweden, und um die Integration von Schweden und Zugewanderten geht. Die Segregation ist nicht in erster Linie ein ethnisches, sondern vielmehr ein finanzielles Problem.
So lange eine so hohe Zahl von Schweden ausländischer Abstammung keine Arbeit erhalten, weder schwedisch sprechen noch in den verschiedenen Einrichtungen und Organisationen der Gesellschaft einbezogen sind, wird die Segregation ein Problem darstellen. Nachfolgend eine kurze Schilderung einiger, in den letzten Jahren in Schweden erfolgten Maßnahmen zur Bekämpfung von Segregation und Fremdenfeindlichkeit und zur Erleichterung der Integration von seit Generationen im Lande wohnenden Schweden und Zugewanderten.
Lösungsansätze
Im Juni 1998 wurde eine neue staatliche Behörde, das Integrationsamt, zur Überprüfung von Integrationsfragen in der gesamten Gesellschaft ins Leben gerufen. Das schwedische Parlament hat beschlossen, die Einwanderungspolitik durch eine die gesamte Bevölkerung angehende Integrationspolitik zu ersetzen. Das neu eingerichtete Integrationsamt wird folgende Aufgabenbereiche haben:
• Beobachtung und Auswertung der gesellschaftlichen Entwicklung aus der Perspektive der Integration
• Förderung von gleichen Rechten und Möglichkeiten für alle, ungeachtet ihrer ethnischen und kulturellen Herkunft
• Vorbeugung und Bekämpfung von Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Diskriminierung.
Seit einigen Jahren hat die Regierung auch das Amt eines besonderen Integrationsministers vorgesehen. Gegenwärtig ist dies Ulrika Messing.
Problematik in den Vororten
In den 70er Jahren entstanden in den Ballungsgebieten große »Schlafstädte«. Die Urbanisierung machte viele neue Wohnungen in den Großstädten erforderlich. Diese Viertel mit ihren »Millionen« Bewohnern, wurden Stadtviertel des Millionenprogramms genannt. Trotz guter Absichten, attraktive Wohnungen mit hohem Standard und viel Raum zu schaffen, sind diese Gebiete heute von Mangel an privaten und öffentlichen Dienstleistungen, einem verarmten physischen Umfeld, niedrigen Ausbildungsstand, niedrigen Einkommen sowie einem hohen Anteil von Bürgern mit ausländischer Abstammung gekennzeichnet.
Die Situation dieser Viertel kann heute in vielerlei Hinsicht als kritisch bezeichnet werden. Anstieg von Kriminalität und Armut, eskalierende Segregation, und vor allem immer geringere schwedische Sprachkenntnisse der Bewohner dieser Viertel. Die Situation in den Stadtvierteln des Millionenprogramms beunruhigte die Regierung, die deshalb eine Enquete-Kommission über rechtzeitig zu ergreifende Maßnahmen in Auftrag gab, um der Entwicklung dauerhaft stark segregierter Großstädte Einhalt zu gebieten.
Viele Vorschläge wurden vorgelegt, die Regierung steuerte die finanziellen Mitteln dazu bei. Es geht beispielsweise um Umbaumaßnahmen von Gebäuden zur Steigerung der Attraktivität, um Maßnahmen zur Erhöhung des Wohlbefindens im Viertel, um gemeinsame Räume, Unterstützung des Vereinslebens für die sozialen Kontakte unter den Menschen, sowie um den erweiterten Zugang zu den Dienstleistungen der Kommune. Die Regierung hat darüberhinaus für die Kinder von Zugewanderten in diesen Vierteln auch weitere Mittel für den schwedischen Sprachunterricht vorgesehen.
Staatliche Maßnahmen
Bereits 1986 erhielt Schweden ein Gesetz zur Verhinderung der Diskriminierung von Zugewanderten auf dem Arbeitsmarkt, das Gesetz gegen ethnische Diskriminierung. Gleichzeitig wurde das Amt des Ombudsmanns gegen ethnische Diskriminierung (DO) eingerichtet, was bisher einmalig in der Welt ist.
1994 erfolgte eine strengere Fassung des Gesetzes, wonach die ethnische Diskriminierung am Arbeitsplatz verboten ist. Auch die Stellung des DO wurde gestärkt. Im neuen Gesetz wurde den Arbeitgebern unter anderem die Beweispflicht auferlegt, dass bei der Einstellung eines Mitarbeiters dieser für die Anstellung, Beförderung oder Auswahl zur Fortbildung besser geeignet ist als die nicht eingestellte Person.
Neben der Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt hat der DO auch zur Aufgabe, die ethnische Diskriminierung in anderen Bereichen des Gemeinwesens zu verhindern. Der DO befasste sich mit Fragen der Diskriminierung in der Gaststättenbranche, im Ausbildungswesen und auf dem Wohnungsmarkt.
Die Zahl der Anzeigen beträgt in diesem Jahr etwa 900–1000, die jährliche Steigerungsrate beläuft sich auf 30%. Nach wie vor haben viele Arbeitgeber eine negative Haltung, was die Einstellung ausländischer Akademiker, aber auch nicht ausgebildeter ausländischer Personen anbelangt. Nach DO Margareta Wadstein ist es schwierig, in Schweden akzeptiert zu werden und eine Arbeit zu erhalten, wenn nicht deutlich definierte »schwedische Qualifikationen« erfüllt werden, wie z.B. Sprachkenntnisse, Normen und Kenntnisse über nicht ausgesprochene gesellschaftliche Regeln. Viele Zugewanderte mit guten akademischen Ausbildungen bezeugten immer wieder in den Medien, wie sie absichtlich bei der Stellensuche aufgrund ihres ausländischen Familiennamens, ihres Akzents oder ihrer Hautfarbe vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen wurden.
Fremdenfeindlichkeit und Rassismus
In vielen Kommunen des Landes war das Problem des Anstiegs von Fremdenfeindlichkeit und Rassismus besonders stark zu verzeichnen. In Stockholm nahm die Fremdenfeindlichkeit Anfang der 90er Jahre stark zu; in der Innenstadt kam es u.a. zu regelrechten Ausschreitungen zwischen Ultranationalisten/Rassisten und antirassistischen Gruppen. In dieser Situation beschloss die Kommune, 1992 4 Millionen Kronen für besondere Maßnahmen zur Bekämpfung der Fremdenfeindlichkeit und zur Förderung guter ethnischer Beziehungen zu veranschlagen. An den Schulen der Hauptstadt wurde ferner eine Zusammenarbeit eingeleitet, um den fremdenfeindlichen Kräften so früh wie möglich zu begegnen.
Im Sommer 1993 machte Trollhättan wegen rassistischer Ausschreitungen in den Medien Schlagzeilen. Trollhättan ist eine Kommune in Westschweden mit gut 50.000 Einwohnern, wovon 7.000 ausländischer Abstammung sind. In den letzten Jahren hatte die Kommune über 6.000 Arbeitsplätze verloren, die Arbeitslosigkeit liegt bei 15%, bei Jugendlichen ist sie doppelt so hoch. Es begann damit, dass zwei Einwanderer aus Somalia von einer Gruppe Rassisten schwer misshandelt wurden. Im gleichen Sommer steckten junge Anhänger der fremdenfeindlichen Partei »Schweden-Demokraten« die dortig Moschee in Brand. Danach folgten zahlreiche Fernsehinterviews und Erklärungen in Zeitungen, in denen Kinder, Jugendliche und Eltern mehr oder weniger offen ihre Fremdenfeindlichkeit zum Ausdruck gaben. Doch die Kommune und das gesamte Land reagierten heftig darauf.
Die Schulen in Trollhättan verabschiedeten ein Aktionsprogramm zum Abbau der Konfliktgefahren. Alle Haushalte der Kommune erhielten eine Informationsbroschüre über die örtlichen Verhältnisse. Es wurden Rockgalas und Vorlesungen gegen Rassismus abgehalten. Heute arbeiten Polizei, Kirche, private Organisationen und die Kommune in Trollhättan gemeinsam zur Bekämpfung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Eine Erfahrung, aus der andere Kommunen im Land ihre Lehren gezogen haben, ist das Einbeziehen des eigenen Personals der Kommune bei der Bekämpfung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, vor allem gilt dies für die Erwachsenen, die bei ihrer täglichen Arbeit mit den Jugendlichen in der Schule und den Freizeitheimen in Verbindung stehen.
Auch an den Schulen begannen sich fremdenfeindliche Parolen auszubreiten. Es wurde von Flugblättern, rassistischen Festen und fremdenfeindlichen Gruppen an schwedischen Schulen berichtet. Lehrer und Rektoren gleichermaßen sahen sich mit einer neuen Problematik konfrontiert. Immer neue Fälle von Schülern, die Kleidungsstücke mit rassistischen Symbolen trugen und die Wände mit rassistischen Parolen voll schmierten, wurden bekannt. Die Gewalt gegenüber ausländischen Kindern nahm zu.
Wie soll ein Lehrer reagieren, wenn ein Schüler am Morgen mit einem T-Shirt mit der Aufschrift »Lieber AIDS als Einwanderer« in die Schule kommt? Wie reagiert man, wenn Schüler rassistische Schmuckstücke tragen oder Musik der sog. »weißen Macht« in den Gängen der Schule hören? Eine Zeit lang war es immer üblicher, dass Lehrer von Grundschulen und gymnasialen Schulen sich mit solchen Problemen auseinandersetzen mussten. Anfangs reagierten Lehrer und Rektoren von Fall zu Fall unterschiedlich, doch mit der Zeit übermittelte die staatliche Schulaufsichtsbehörde Leitlinien über die Policy der Schulen.
Heute werden keine Symbole, Musik, Kleidungsstücke oder andere rassistische Ausdrucksweisen an den schwedischen Schulen geduldet. Den Schulen ist es mit deutlichen Signalen im großen und ganzen gelungen, den Rassismus aus den Klassenzimmern zu verbannen. Ein wichtiger Grund für den Einsatz aller Lehrer, Schüler und Schulleiter zur Bekämpfung von Fremdenfeindlichkeit und Rassismus ist der Lehrplan der Schulen, der folgenden Inhalt hat: »Die Schule soll das Verständnis für andere Menschen und das Einfühlungsvermögen fördern… Tendenzen von Belästigungen müssen aktiv bekämpft werden. Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz müssen mit Wissen, offener Diskussion und aktiven Maßnahmen begegnet werden«.
Viele Schulen veranstalteten Elternabende, ehemalige KZ-Häftlinge, Flüchtlinge und Menschenrechtsorganisationen waren dazu eingeladen. Die Schulen erfahren auch durch die Gesetzgebung Unterstützung. Das Tragen von rassistischen Symbolen oder die Verbreitung rassistischer Botschaften ist nunmehr verboten. Dies wird in einem neuen Gesetz als »Verhetzung von Volksgruppen« (hets mot folkgrupp) bezeichnet, ein Verbrechen, das eine Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren zur Folge haben kann. Das Gesetz fand schon mehrmals Anwendung. In einem Fall wurden Mitglieder einer Rockgruppe zu Freiheitsstrafen von drei bis fünf Monaten verurteilt, da sie rassistische Musik spielten und den Hitlergruß anwendeten.
Anfang 1997 wurde ein alarmierender Bericht über die Einstellung der schwedischen Jugendlichen zum Holocaust veröffentlicht. Am Bemerkenswertesten war, dass ein Großteil der Jugendlichen Zweifel darüber hegte, ob der Holocaust wirklich stattgefunden hatte. Viele Befragte bezweifelten auch das Ausmaß des Holocausts. Der Bericht führte in den Medien zu lebhaften Debatten über den Geschichtsunterricht an den Schulen, über Ethik, Moral und über unsere Pflicht, die vor nur wenigen Jahrzehnten begangenen historischen Verbrechen gegen die Menschlichkeit nicht zu vergessen.
Die Regierung reagierte rasch darauf und leitete im Juni 1997 ein Informationsprojekt über den Holocaust ein, das sich vor allem an Jugendliche und deren Eltern wendete. Das Projekt erhielt den Namen »Lebendige Geschichte«. Eine Schrift mit dem Titel »Darüber solltet Ihr berichten – über den Holocaust in Europa 1933–45« in acht Sprachen wurde bisher in einer Auflage von 800.000 Exemplaren kostenlos verteilt. Daneben wurde ein Filmpaket mit Filmen zusammengestellt, die kostenlos an Schulen ausgeliehen werden, Diskussionsmaterial für Elternabende wurde ausgearbeitet, Projekte in Zusammenarbeit mit den Gewerkschaftsorganisationen der Lehrer wurden durchgeführt und Lehrerseminare abgehalten. Das Projekt erweckte großes internationales Aufsehen.
Im Frühjahr 1998 wurde eine Arbeitsgruppe, bestehend aus Vertretern der Regierungen Schwedens, der USA und Großbritanniens gebildet, um auf internationaler Ebene Kenntnisse über den Holocaust zu verbreiten. Diese Gruppe wurde mit Vertretern aus Deutschland und Israel erweitert. Die große Tragweite dieser Frage für die schwedische Regierung betonte Ministerpräsident Göran Persson deutlich in seiner Regierungserklärung vom Oktober 1998.
Heutige Situation
Abschließend sei erwähnt, dass im Herbst 1998 bei den Parlamentswahlen in Schweden keine fremdenfeindlichen oder rassistischen Parteien Erfolg hatten. Hier unterscheidet sich Schweden von mehreren anderen Ländern Europas, wie z.B. Dänemark, Norwegen, Frankreich, Österreich oder Belgien, die vor kurzem Wahlen abgehalten hatten, in denen fremdenfeindliche Parteien aufsehenerregende Erfolge verbuchen konnten. Das Interesse an Einwanderungsfragen ist in den vergangenen Jahren in der schwedischen Gesellschaft zurückgegangen, sie waren kaum ein politisches Thema im Wahlkampf.
Die Behauptung, dass einwanderungsfeindliche Kräfte in Schweden besiegt sind, ist noch zu früh. Doch hat die schwedische Diskussion bestenfalls die Einwandererfrage hinter sich gelassen, um sich stattdessen den wichtigeren und konstruktiveren Fragen der bestmöglichen Integration der neuen Schweden zu widmen.