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  LEXIKON > KULTUR > SCHWED. MUSIKEXPORT
 
LEXIKON
Wollen Sie mehr wissen über Schweden – auch abseits vom Tourismus? Im Lexikon gibt es dazu weitreichende Information. Wie ist die Thronfolge der schwedischen Monarchie geregelt und warum feiert man das Midsommar-Fest? Wie bereitet man einen echten schwedischen Glögg zu und wie fragt man auf Schwedisch nach dem Weg?
 
SCHWEDISCHER MUSIKEXPORT
 
Schweden ist weltweit die drittgrößte Musikexport-Nation – nach den USA und Großbritannien
 
 
Einleitung
Die größten Erfolge
Fünfziger und Sechziger Jahre
Entwicklung seit den Siebziger Jahren
 
 
Einleitung
Populäre Musik aus Schweden hat in den vergangenen 25 Jahren innerhalb der internationalen Massenkultur große Aufmerksamkeit erregt. Verkaufszahlen wurden kommentiert, und es wurde über das Einkommen der Urheber spekuliert. In den Medien werden, mitunter unkritisch, Zahlen genannt und Vergleiche, z. B. mit dem Auto- und Waffenexport, angestellt. Den neuesten Zahlen zufolge ist Schweden die drittgrößte Musikexportnation nach den USA und Großbritannien. »Schwedischer Musikexport« ist heute ein Begriff, und das Land wird immer öfter mit jugendlicher Popmusik in Verbindung gebracht, vergleichbar dem früher erfolgreichen Markenzeichen »schwedische Sünde«. Die Regierung hat einen speziellen Exportpreis gestiftet, den der Handelsminister 1997 erstmals an The Cardigans überreichte, einer Gruppe, die zu diesem Zeitpunkt 4 Millionen Alben verkauft hatte.

Es waren schwedische Jazzmusiker, die in den 30er Jahren der amerikanischen Musik in Deutschland den Weg ebneten (Arne Hülphers Orchester u.a.), und in den 40er und 50er Jahren errangen etliche schwedische Jazzmusiker bedeutende Erfolge im Heimatland dieses Genres (Stan Hasselgård, Åke Persson, Rolf Ericsson u.a.). Schwedische Sängerinnen trugen zur Blüte des deutschen Schlagers bei (Zarah Leander, Bibi Johns, Siw Malmkvist u. a.). Export von Künstlern gibt es auch in der E-Musik, wobei Schweden zwar nicht mit Grieg, Sibelius oder Nielsen entsprechenden Größen aufwarten kann, aber doch mit gefeierten Interpretinnen und Interpreten (von Jenny Lind über Jussi Björling bis Anne Sofie von Otter). Internationalen Erfolg haben schwedische Komponisten allerdings erst mit der Popmusik der letzten Jahrzehnte errungen. Seit ABBA und der späteren schwedischen Popmusik spricht man denn auch auf dem Gebiet der Musik von »Industrie» und »Export«. Nur wenige Länder außerhalb der USA und Großbritanniens, den Heimatländern der Rockmusik, können sich damit brüsten, Platz eins der amerikanischen Verkaufsliste Billboard erreicht zu haben. Schweden hat seit den 70er Jahren diesen Thron schon mehrfach mit Kandidatinnen und Kandidaten besetzt.
 
 
 
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Die größten Erfolge
Den internationalen Durchbruch schaffte die Popmusik Schwedens bereits mit den Gitarrenbands der frühen 60er Jahre. Die Gruppe Spotnicks aus Göteborg kam in den Jahren 1962–63 viermal in die Liste der englischen Top 50. Die Gruppe unternahm erfolgreiche Tourneen durch die USA, Japan und Europa. Nicht zuletzt in Japan, wohin sich die Gruppe in den 70er Jahren erneut begab, wurde späteren schwedischen Erfolgen auf dem Gebiet des Hardrocks der Boden bereitet.
Über die Plattenfirma Capitol in den USA gelang es Björn Skifs und seiner schwedischen Schallplattenfirma im April 1974 ohne gezieltes Marketing Hooked On a Feeling auf den ersten Platz von Billboard zu bringen. Skifs brachte mit der Gruppe Blåblus, in den USA Blue Swede genannt, damit eine neue Version von B. J. Thomas’ Aufnahme dieses Songs aus dem Jahr 1968. (In Großbritannien war es 1971 ein kleinerer Hit von Jonathan King.) Skifs erreichte die üblichen Verkaufszahlen eines »number one hit« in den USA, ca. 1,7 Millionen Exemplare.
ABBAs Sieg mit Waterloo im Grand Prix d’Eurovision – ebenfalls im April 1974 – leitete eine hochinteressante Epoche der schwedischen Musikgeschichte ein. Während Skifs das amerikanische Publikum mit einer neuen Version einer bekannten Vorlage erobert hatte, präsentierte ABBA etwas Eigenes, selbständig und schwedisch, aber in anglo-amerikanischem Stil und in einer im internationalen Vergleich avancierten Aufnahme- und Mischtechnik. ABBA war die bedeutendste Popgruppe der 70er Jahre und verkaufte unterschiedlichen Angaben zufolge in jenem Jahr-zehnt an die 200 Millionen Tonträger.

Der Hardrockgruppe Europe gelang am 2. November 1986 das, was ABBA neun Mal geschafft hatte: in Großbritannien auf Platz eins zu kommen. The Final Countdown, ein am Hardrock gemessen gefälliger und weich melodischer Song, erreichte in mindestens 25 Ländern Platz eins.

Mit dem Discosong Oh Susie setzte Secret Service einen der größten Plattenexporte Schwedens in den 80er Jahren in Gang. Die Gruppe landete mehrere Hits auf dem europäischen Kontinent, in Südamerika und in Japan. Zugänglichen Quellen zufolge soll die Gruppe die Charts von 22 Ländern angeführt haben. Wie Europe galt das große Bestreben von Per Gessle und Marie Fredriksson, d. h. von Roxette, dem vokalen Bereich. Mit The Look, Listen To Your Heart (beide 1988), It Must Have Been Love (1990) und Joyride (1991) belegten Roxette in der genannten Reihenfolge Platz eins in den USA. Wie in Skifs’ Fall war diese Platzierung kein Resultat von Marketing. Ein amerikanischer Austauschstudent hatte The Look an seinen örtlichen Rundfunksender geschickt. Damit kam die Kugel ins Rollen. Zu Beginn der 90er Jahre gehörte die Gruppe zu den weltweit erfolgreichsten Künstlern.

Zu den Erfolgen, die auch die Aufmerksamkeit der Medien erregten, gehören die drei Siege beim Grand Prix: neben Waterloo Herreys mit Diggi-Loo Diggi-Ley (1984) und Carola Häggqvist mit Fångad av en stormvind (1991). Zu Beginn der 90er Jahre lässt sich bei der schwedischen Musikproduktion für junge Leute eine neue Welle internationaler Erfolge beobachten. Die Discogruppe Army of Lovers trat mit einem Schalk im Auge auf den Plan, und in den letzten Jahren wurde die Stellung der schwedischen Popmusik im Ausland durch Giganten wie Ace of Base und The Cardigans gefestigt. Erstere haben mit phantastischen 21 Millionen verkauften Exemplaren von The Sign das bestverkaufte Debütalbum der Welt auf den Markt gebracht. Darüber hinaus gibt es noch eine ganze Reihe von Künstlerinnen und Künstlern mit unterschiedlichen Stilrichtungen: Robyn, E-type, Dr. Alban, Stakka Bo, Rednex, Clawfinger, Pandora, Eagle-Eye Cherry, Lutricia McNeal, Grass Show, Sophie Zelmani, Whale, Ebba Forsberg, Eric Gadd, Stephen Simmonds, Popsie, De De, This Perfect Day, Komeda, Kent u. a.
 
 
 
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Die fünfziger und sechziger Jahre
Mit dem Rock'n'Roll kam in den 50er Jahren eine äußerst bedeutsame musikalische Jugendbewegung auf. Was in schwedischen Kellern, Jugendzentren und Garagen seitdem an Tradjazz, Skiffle, Rock'n'Roll und Pop geboten wird, ist imponierend. Eine wohlbegründete Hypothese besagt, dass Schweden nach dem Krieg einen Vorsprung hatte; der damalige Wohlstand war in Kombination mit der Faszination für Neuigkeiten aus dem großen Land im Westen eine Voraussetzung dafür, dass in den 60er Jahren sehr viel Musik in Popbands gemacht wurde, und damit vielleicht auch für den Musikexport der 70er Jahre.

Schweden war neben Großbritannien das Land, das sich in den 50er Jahren am schnellsten und auf breiter sozialer Basis die »neue« Rockmusik aneignete. In den 60er Jahren war der britische Gruppensound auch Vorbild für eine expansive Periode, was die Gründung von Popgruppen in Schweden betrifft (ab 1963). Die Musikmode, die damals aufkam, war in erster Linie ein Gruppensound: integrierte Instrumente, Gesang, Unmittelbarkeit und Nähe, Spontaneität und Spielfreude, alles zusammen regte eigenes Musizieren an. Es bildeten sich Bands in einem Ausmaß und mit einer Verbreitung, die die frühere Dixie-, Rock’n’Roll- und Skifflewelle weit übertrafen. Nachdem sich der Popsound etabliert hatte, vertraute man auch Eigenem. Teenager wurden autodidaktisch und ohne Harmonielehre und Notenpapier zu Komponisten. Mascots, Hep Stars, Ola & the Janglers, Tages und Shanes hielten mit eigenen Kompositionen auf den Hitlisten Einzug. Während des größeren Teils der 60er Jahre dienten den schwedischen Amateurmusikern auch die verschiedenen Wettbewerbe im Rundfunk als Sprungbrett.

In nahezu jedem schwedischen Ort gab es Jugendzentren, d. h. kommunal betriebene Freizeiteinrichtungen, in denen die Talente der jeweiligen Gegend auf ein jüngeres Publikum treffen konnten. In Stockholm gab es in der City und in den Vororten zu Beginn der 60er Jahre mehr als hundert Jugendzentren. Sie boten die Möglichkeit, vor Publikum zu spielen, und Zugang zu Übungsräumen (manchmal als Entgelt für die Konzerte). Einer Hypothese zufolge sorgte die expansive Ökonomie der 50er und 60er Jahre in Verbindung mit einer ausgesprochen jugendorientierten Sozialpolitik indirekt für die Entstehung von Spielmöglichkeiten und die Entwicklung eines beachtlichen musikalischen Engagements der Jugendlichen. Was in anderen europäischen Großstädten die Kneipen- und Barbesitzer aus kommerziellen Motiven betrieben, besorgten in Schweden die Freizeitverwaltungen und Sportvereine, deren Motor soziale Bestrebungen waren. Es ist verlockend, daraus eine weitere Hypothese zu entwickeln, nämlich, dass der Zugang zu Spielstätten mit ambitionierten Jugendleitern dazu beigetragen hat, dass Schweden in der internationalen Musiklandschaft später eine Rolle spielte.

Die populärsten Gruppen gastierten auch in den Volksparks der Provinz. Volkspark ist ein schwedischer Begriff: ein von Volksbewegungen und Kommunen betriebener Vergnügungspark, in dem es in der Regel eine Bühne im Saal und eine Freilichtbühne gibt. Schwedische Teenager konnten zu verhältnismäßig niedrigen Preisen Auftritte der führenden einheimischen und britischen Vertreter der Jugendmusik sehen. Per Gessle hat von dem prägenden Erlebnis berichtet, im Volkspark der kleinen Ortschaft Karsefors die Hep Stars erlebt zu haben. Der Autor dieser Zeilen konnte sich in den Volksparks der ebenso kleinen Gemeinden Köping und Kungsör heiße Würstchen kaufen und The Who, Hollies, Kinks, Dee Jays, Swinging Blue Jeans u. a. erleben. Ausländische Kollegen und Freunde aus derselben Generation waren später sehr erstaunt darüber. Die kommunalen Musikschulen boten bald nach dem Krieg allen Schulkindern kostenlosen Musikunterricht an. Man konnte, ebenfalls kostenlos, auch Instrumente ausleihen. Dieses außerordentlich breite musikpädagogische Engagement prägt in Schweden noch heute die kulturelle Arbeit für Kinder und Jugendliche. Was die Popmusik betrifft, darf dessen Bedeutung jedoch nicht überschätzt werden. Man verlieh zwar von der Blockflöte bis hin zur Posaune Instrumente, doch wenn es um Fender-Gitarren, Vox-Verstärker, Echo und PA-Anlagen ging, wurden die Jugendlichen auf ihre Ersparnisse, auf Geschenke und Darlehen verwiesen. Hierin zeigt sich ein wesentlicher Unterschied zwischen dem Schulbandjazz der 50er und der Rockmusik der 60er Jahre.

Parallel zum raschen Einzug des Fernsehens im Schweden der 50er Jahre hielten Stereoanlagen schon relativ früh Einzug in die Zimmer der Jugendlichen. Was die Mode anging, waren schwedische Jugendliche, verglichen mit dem, was sich beispielsweise französische oder deutsche Teenager leisten konnten, näher an der Carnaby Street. Zu Beginn der 70er Jahre waren die Schweden in der Pop- und Rockmusik folglich äußerst kompetent. Die Vertreter der Popgruppen der 60er Jahre waren jetzt geübte Komponisten (Benny Andersson, Ola Håkansson), Produzenten (Bengt Palmers, Anders Henriksson), Techniker (Michael B. Tretow). Hinzu kam eine Reihe vielseitiger Sänger und Musiker, wie z. B. Björn Skifs, Tommy Körberg, Janne Schaffer, Ola Brunkert, Lasse Welander, damals alle gut in den Zwanzigern und später wichtig für den schwedischen Musikexport. Alle hatten sie ihre Laufbahn als experimentierende, autodidaktische Amateure in den genannten Jugendzentren angetreten. Vor dem Hintergrund von Skiffle, Hootenanny, Pop, Rock und, nicht zu vergessen, Volks- und Tanzmusik konnten schwedische Musiker aus einem traditionellen Klangfundus etwas Neues schaffen. Man brachte in der Jugend gebildete musikalische Präferenzen mit. Und tatsächlich gibt es eine Art stilistischen Rückblicks, am deutlichsten bei ABBA, die auf geniale Weise Elemente der Volksmusik in ihre Songs eingebaut hat: Lieder, Musical und Cabaret, Tanz und kontinentaleuropäischen Schlager. In beinahe jedem Hit sind deutliche, aber schwer zu benennende Anspielungen auf älteres populäres Musikgut zu hören. Man hat es geschafft, die Freude des Wiedererkennens mit dem Reiz des Neuen zu verbinden. Es ist hochinteressant, dass das traditionelle schwedische Musikerbe die neue elektronische Musik der Jugend durchdrungen hat. Man hat den neuen Klang auf das landläufig Populäre angewandt. Die Gitarren waren von der Marke Fender, der Sound war amerikanisch, das Repertoire hingegen überaus schwedisch!
 
 
 
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Entwicklung seit den Siebziger Jahren
Amerikanische Plattenfirmen haben oft mit etwas älteren A & R (artist and repertoire)-Funktionären zusammengearbeitet, die als Talentsucher das jugendliche Terrain sondierten und zu begreifen versuchten, was sich da herausbildete. In der älteren schwedischen Rockmusik gab es eine Kluft zwischen jungen Musikern und den älteren Funktionären, die sich oft aus dem Jazz rekrutierten. Ab den 60er Jahren waren die Musiker, Techniker, Texter und Komponisten sowie die Produzenten dagegen ziemlich jung. In den schwedischen Produktionen bildeten die Beteiligten fast einen Teil ihres eigenen Publikums.

Eine Variante davon ist die Nähe zwischen den verschiedenen Funktionären, dergestalt, dass wichtige Aufgaben von nur wenigen Personen im Teamwork wahrgenommen wurden. Das Studio wurde zu einer Art Werkstatt, und die Beteiligten arbeiteten fast kollektiv an den verschiedenen Parts der Musik: vom melodischen Fragment über das Arrangement, die Aufnahme und Bearbeitung bis hin zum Abmischen und Pressen der Scheiben. Die Arbeit von Benny Andersson und Björn Ulvaeus glich in vielem dem, was von Lennon und McCartney ins Werk gesetzt wurde. Techniker, Produzenten und Studiomusiker arbeiteten eher schöpferisch als reproduzierend. Dies gilt für etliche der aktuellen schwedischen Gruppen. Oftmals sind die Musiker/Komponisten zugleich Produzenten, z. B. Andersson und Ulvaeus.

Der Umgang der Schweden mit dem Sound ist, technisch gesehen, von äquilibristischem und fachlichem Bewusstsein geprägt und nicht frei von Anspielungen auf bewährte Stile führender Vertreter aus den 60er Jahren wie etwa dem Produzenten Phil Spector. Auf Befragen stimmen mehrere Techniker dem zu, dass die Arbeit in schwedischen Studios von Genauigkeit und Experimentierlust geprägt sei. »Wir zielen immer auf den Mond und landen irgendwo bei den Baum-wipfeln, im Ausland begnügt man sich damit, tiefer zu zielen, und landet in einem Gebüsch« (aus einem Gespräch mit Michael B. Tretow). Schwedischer Sound ist facettenreich, aber trotzdem charakteristisch. Man erlebt Nähe und scharfe Profile, Luftigkeit und Resonanz, wobei der Gesamtsound gleichzeitig recht »dicht« ist. Auch dem hat ABBA die Bresche geschlagen, indem sie fleißig Filter, Kompressoren, Echos und Panoramaregler verwendeten. Diesen Professionalismus hat man, wenn auch etwas verlegen, in der internationalen Rockliteratur anerkannt, und auf ihm gründete wohl teilweise die Unterstellung von Kommerzialismus im Schweden der 70er Jahre.

Eine interessante Gemeinsamkeit von ABBA, Roxette, Ace of Base, The Cardigans u. a. besteht in der Verbindung von Männlichem und Weiblichem, visuell mit mindestens einer (blonden) jungen Frau in jeder Gruppe und akustisch mit der Profilierung verschiedener Stimmen. Die Rockgeschichte weist sowohl Gesangskünstler als auch -künstlerinnen auf, in Gruppen und auch solo. Kombinationen sind dagegen nicht sehr üblich (The Mamas and The Papas, Sonny & Cher u. a.). Mit den beiden Frauenstimmen schuf ABBA einen mehrdimensionalen Klangraum, in dem sich durch den Wechsel von hellen und etwas dunkleren Klangfarben bisweilen gefühlsmäßige Spannungen aufbauen. Aufnahme- und Mischtechnik sind für die Beziehung zwischen den Singstimmen von großer Bedeutung: sie können hervorgehoben und differenziert werden. Die vielen Überlagerungen derselben Melodielinie verleihen dem vokalen Part Fülle. Auch die Wechselwirkung wird durch Klangbearbeitungen verstärkt: schärferer metallischer Klang gegen weicheren und sanfteren. Sie wird zudem mit Schwenks in der Stereoperspektive betont. Was das Image betrifft, gibt es eine »Gleichstellung« zwischen Weiblichem und Männlichem. Mit der Gruppe ABBA folgen mehrere Imagekomplexe, denen zufolge die Künstler geschlechtspezifisch als ebenbürtig betrachtet werden. Dies ist von den anderen Klischees in der Popmusik der 70er und 80er Jahre wie etwa den dominanten Männern und unterwürfigen Frauen der Diskogruppen weit entfernt.

Dem Rockimage haftet von jeher etwas Raues und Prahlerisches an, außerdem etwas Toughes und Nonchalantes. Nicht zuletzt sogen die neuen Stars der 70er Jahre mit Schrecken, Gewalt, Sex und Glamour in unzählig variierten Imagemontagen Honig aus einer exzentrischen Massenkultur. ABBA durchlief dies nahezu unangefochten. Die Gruppe zimmerte ihr Image anfänglich mit einem Schalk im Auge und nahm zugunsten von eher Liebem und vielleicht schlichtweg Unschuldigem Abstand von Herbem, Frechem und Herausforderndem. Dies gilt auch für spätere schwedische Gruppen, die mit einer Ausnahme (Army of Lovers) kaum mit Spektakulärem, sondern eher mit leicht Alltäglichem und vielleicht schlichtweg leicht Schüchternem verbunden werden. Mein Eindruck ist, dass das liebenswerte Image der Gruppen visuell wie verbal gut mit wichtigen Zügen dessen übereinstimmt, was Ethnologen »schwedische Mentalität« genannt haben.

Schwedischen Textern und Komponisten ist es gelungen, den eingängigen Melodietyp zu beleben, der während der goldenen Jahre (1958–62) des sog. Schlocks (»Philadelphia Schlock«) mit damaligen Größen wie Neil Sedaka, Bobby Darin, Paul Anka u. a. vorherrschte. Es gibt eine natürliche Verbindung zwischen Schlagern zum Mitsummen und dem Rocksound einer Zeit. Während die Tanzbands beim pubertären »Schlock« (Arvingarna) stehengeblieben sind, haben schwedische Exporteure middle-of-the-road ein Gestrüpp von Stilen durchwandert und wie z. B. Elton John sinnreiche Stilmischungen zustande gebracht. Neben der »schwedischen Mentalität« trägt, was das Image betrifft, die Musik auch Spuren der melancholischen schwedischen »Volksseele«, so diese Metapher erlaubt ist. Es ist außerordentlich schwierig, zu sagen, worin diese exakt besteht, doch ist der Sound irgendwie mit der fallenden und auf Moll basierenden Melodik verwandt. Schwedische Komponisten haben, angefangen bei der Kunstmusik des vorigen Jahrhunderts über Jan Johanssons Pianojazz bis hin zur Popmusik der 70er Jahre, eine intime Beziehung zur Volksmusik. Über dieses spezifisch Schwedische habe ich mit mehreren Beteiligten diskutiert, und sie pflichten über-einstimmend, wenn auch vage, bei, dass Teile der schwedischen Popmusik von einem wehmütigen Ton geprägt sind. In ABBA-Hits wie Chiquitita, The Winner Takes It All, I Have a Dream, ist die melancholische Geste nahezu archetypisch, ebenso in etlichen von Per Gessles melodischen Schöpfungen. Eine etwas klagende, oft fallende Melodik ist in den 90er Jahren auch für The Cardigans und Ace of Base kennzeichnend, wenn auch auf je unterschiedliche Weise. Ein schwedischer Musikjournalist, Spezialist in Sachen Hardrock, hat berichtet, dass er mehrere Japaner in der Branche befragt habe, warum sie ausgerechnet schwedische Musik liebten. Sie verwiesen auf das, was sie in der Mentalität der beiden Länder als übereinstimmend bezeichneten: das leicht Traurige und Verschlossene.

Schwedische Gesangskünstler haben den Sound mit einer charakteristischen sprachlichen Artikulation gewürzt. Man hört recht deutlich, dass die Sänger keinen angloamerikanischen Hintergrund haben. Konsequenterweise geht es aber trotzdem darum, auf Englisch/Amerikanisch zu singen. Dadurch dass in Schweden die angloamerikanische Kultur beispielsweise in Fernsehfilmen nicht synchronisiert wird, ist bei den Jugendlichen phonetisch sicherlich ein gewisser Zungenschlag hängengeblieben. Es sollte bis in die 70er Jahre dauern, bis man sich im schwedischen Pop und Rock traute, in der eigenen Sprache zu singen. Die Ausspracheprobleme sind signifikant. Ganz offenkundig gilt dies für bestimmte Akzent- und Betonungsmuster, die die Rhythmik beeinflussen und der Melodik Farbe geben. (Schon die »Rockkönige« der 50er Jahre bereisten die Volksparks mit einem Englisch, das demjenigen ähnelte, was schwedische Kinder benutzen, wenn sie Cowboy und Indianer spielen.) Die Aussprache beeinflusst auch klangliche Nuancen, beispielsweise das Fehlen des stimmhaften S in bestimmten Phonemen. Insgesamt verleiht die sprachliche Gestalt dem Sound eine gewisse Exotik, etwas, was nicht ausgerechnet mit Schweden in Verbindung gebracht werden muss, aber immerhin mit etwas Entlegenem und vielleicht Bescheidenem.
 
 
 
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Text: Holger Larsen; Svenska Institutet, Stockholm; Übersetzung: Hedwig M. Binder

 
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